Shirin Frangoul-Brückner: Wie Architektur Menschen in Bewegung bringt

Ein Design Nudge ist ein gestalterisches Mittel, das Menschen unbewusst lenkt, aktiviert und neugierig macht – ohne sie zu zwingen. In der Architektur bedeutet das: Räume, die Verhalten beeinflussen, bevor ein einziger Inhalt vermittelt wird. Genau dieses Prinzip steht im Mittelpunkt des usbekischen Pavillons für die Expo 2025 in Osaka, der beim German Design Award 2026 mit Gold ausgezeichnet wurde.
Unter dem Titel „Garden of Knowledge" präsentiert sich Usbekistan als Nation im Wandel. Der Pavillon verbindet kulturelles Erbe mit Zukunftsvisionen, traditionelle Handwerkskunst mit zeitgenössischer Architektur und Nachhaltigkeit mit einer klaren gesellschaftlichen Botschaft.
Doch die eigentliche Stärke des Projekts liegt tiefer. Frangoul-Brückner sagt, dass es nicht nur darum geht, Inhalte zu vermitteln: „Es geht darum, Menschen zusammenzubringen, Begegnungen zu ermöglichen und einen Dialog zwischen Inhalt, Ort und Besucher*in zu schaffen."
Gerade auf einer Weltausstellung ist das eine Herausforderung. Zwischen mehr als hundert Nationen entscheiden Besucher*innen oft innerhalb weniger Sekunden, welchem Pavillon sie ihre Aufmerksamkeit schenken. Architektur wird damit zum Design Nudge.
Ikonografische Architektur als Einladung
Das Entscheidende ist: Der usbekische Pavillon erzeugt Neugier, bevor überhaupt ein Inhalt vermittelt wird. Seine markante Holzstruktur ist bereits aus der Ferne sichtbar. Die offene Konstruktion zieht Besucher*innen an, ohne sich aufzudrängen.
Frangoul-Brückner erklärt, dass das kein Zufall ist: „Wir haben eine ikonografische Architektur geschaffen, die Menschen zunächst über das Bild anzieht. Erst dadurch entsteht die Möglichkeit, sie für die Inhalte zu begeistern."
Der Pavillon funktioniert wie eine Einladung. Besucher*innen treten ein, weil das Bauwerk fasziniert. Erst danach beginnen sie, sich mit den Themen auseinanderzusetzen: Wissenschaft, Bildung, kulturelles Erbe und die Transformation eines Landes, das sich neu positioniert. Architektur wird hier zum ersten Kapitel einer Geschichte.
Gute Gestaltung beginnt nicht mit der eigenen Perspektive. Für Frangoul-Brückner liegt eine der größten Herausforderungen darin, die eigene Sichtweise zurückzustellen und konsequent aus Sicht der Nutzer*innen zu denken:
„Wir müssen uns immer wieder fragen: Für wen machen wir das eigentlich? Es geht nicht darum, uns selbst zu verwirklichen. Es muss uns nicht gefallen. Es muss Menschen erreichen."
Die Architektur des Pavillons ist offen, transparent und barrierefrei. Sie schafft keine Distanz, sondern lädt zur Teilhabe ein. Besucher*innen bewegen sich nicht durch ein abgeschlossenes Objekt, sondern durch einen Raum, der Austausch ermöglicht.
Identität entsteht aus dem Kontext
Identität in der Architektur kann nicht erfunden oder aufgesetzt werden. Sie entsteht aus dem Kontext des Ortes und seiner Geschichte. Das ist der Kerngedanke, der die Arbeit von Atelier Brückner prägt: „Es geht darum, Identität aus dem Kontext heraus zu schaffen."
Beim usbekischen Pavillon wird dieser Ansatz auf drei Ebenen sichtbar:
- Symbolik: Der dreieckige Grundriss greift die Form des traditionellen Tumar auf – eines Schutzamuletts, das tief in der Kultur Zentralasiens verwurzelt ist.
- Material: Das Sockelgeschoss aus Lehm und Ziegel steht für die Erde, die Herkunft und die kulturellen Wurzeln des Landes.
- Struktur: Ein acht Meter hoher Wald aus Holzstützen erinnert an Tempel- und Palastarchitekturen entlang der Seidenstraße – und interpretiert diese neu.
Je nach Blickwinkel entstehen durch die Überlagerung der Holzstrukturen immer wieder neue Muster. Das Gebäude verändert sich mit jeder Bewegung der Besucher*innen. Architektur wird damit nicht zum statischen Objekt, sondern zum Erlebnis.
Das Entscheidende ist: Erinnerungswürdige Orte funktionieren nicht nur, sie lösen etwas aus. Frangoul-Brückner bringt es auf den Punkt: „Besonders sind Orte, die nicht nur genutzt werden, sondern erlebt werden."
Architektur wirkt dabei auf zwei Ebenen gleichzeitig: Gesellschaftlich ermöglicht sie Begegnungen und Dialog. Und sie wirkt durch Licht, Materialität, Proportionen und Atmosphäre auf den einzelnen Menschen. Erst das Zusammenspiel dieser Ebenen erzeugt Orte mit Bedeutung.
Nachhaltigkeit als Teil der Erzählung
Nachhaltigkeit ist im „Garden of Knowledge" kein technisches Merkmal. Sie ist Teil der inhaltlichen Erzählung. Holz, Lehm und Ziegel sind traditionelle Materialien Usbekistans und gleichzeitig Teil eines konsequenten Kreislaufgedankens.
Das Kreislaufprinzip geht über die Expo hinaus. Die Holzstruktur wird derzeit als Teil einer Kinderbibliothek und eines kulturellen Campus in Nukus, Karakalpakstan (Usbekistan), wieder aufgebaut. Selbst die Herkunft jeder einzelnen Holzstütze lässt sich digital nachvollziehen.
Architektur der Zukunft entsteht für Frangoul-Brückner nicht durch einen Bruch mit der Vergangenheit, sondern durch deren Weiterentwicklung: „Es geht darum, das kulturelle Erbe zu verstehen und in die Zukunft zu übersetzen."
Zeigt euer Projekt, wie Design Menschen erreicht?
Der usbekische Pavillon zeigt, dass Gestaltung weit mehr sein kann als die Lösung einer funktionalen Aufgabe. Gute Architektur schafft Orientierung, stiftet Identität, macht komplexe Inhalte verständlich und bringt Menschen miteinander ins Gespräch. Vor allem aber hinterlässt sie einen Eindruck, der bleibt.
Genau solche Projekte macht der German Design Award sichtbar. Ausgezeichnet werden Arbeiten, die nicht nur gestalterisch überzeugen, sondern relevante Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit geben – Projekte, die Menschen erreichen, Perspektiven eröffnen und neue Maßstäbe setzen.
Wenn auch euer Projekt zeigt, wie Design gesellschaftliche, kulturelle oder wirtschaftliche Entwicklungen positiv beeinflusst, ist jetzt der richtige Moment: Registriert euch zum German Design Award 2027, präsentiert eure Arbeit einer internationalen Jury und werdet Teil eines globalen Netzwerks exzellenter Gestaltung.














