Design Nudges
Architecture

Immanuel Koh: KI muss Architektur nicht verstehen

Mit AI Sampling Singapore wurde ein Forschungsprojekt der Singapore University of Technology and Design mit dem German Design Award ausgezeichnet, das eine der zentralen Fragen unserer Zeit neu denkt: Muss künstliche Intelligenz Architektur überhaupt verstehen, um Architektur verändern zu können? Im Gespräch erklärt Architekt, Forscher und Professor Immanuel Koh, warum die eigentliche Revolution nicht in besseren Bildern, sondern in einem neuen Verständnis des Entwerfens liegt.

Architektur als lernbares System

Lange bevor generative KI zum globalen Gesprächsthema wurde, beschäftigte sich Immanuel Koh mit einer Frage, die heute aktueller ist denn je. Während seiner Promotion an der Schnittstelle von Architektur und Informatik entwickelte er mit AI Sampling Singapore einen Forschungsansatz, der untersucht, wie künstliche Intelligenz architektonische Prinzipien erlernen kann. 

Grundlage des Projekts ist ein eigens entwickeltes KI-Modell, das auf Tausenden Hochhäusern Singapurs trainiert wurde. Ziel war es nicht, bestehende Gebäude zu kopieren, sondern räumliche Muster und architektonische Zusammenhänge zu erkennen, um daraus neue Typologien und Entwurfsmöglichkeiten abzuleiten. Architektur wird dabei nicht als Sammlung einzelner Gebäude verstanden, sondern als ein System, dessen räumliche Logik maschinell erlernbar werden kann. 

Für die Jury des German Design Award war genau dieser Forschungsansatz wegweisend. Sie würdigte AI Sampling Singapore als Projekt, das künstliche Intelligenz nicht als Selbstzweck einsetzt, sondern neue Perspektiven auf architektonisches Entwerfen eröffnet.

KI muss Architektur nicht verstehen

Für Immanuel Koh beginnt die Diskussion jedoch bereits bei einer falschen Fragestellung. 

„Wenn wir fragen, ob KI Architektur versteht, müssen wir zunächst klären, was wir unter Verstehen überhaupt meinen. Geht es darum, den Entwurfsprozess zu verstehen – oder darum, Architektur so zu erleben, wie Menschen sie erleben?“ 

Architektur sei schließlich weit mehr als Geometrie oder räumliche Physik. Sie entstehe aus kulturellen, sozialen und emotionalen Zusammenhängen. Genau deshalb lasse sich die Frage nach dem „Verstehen“ nicht eindeutig beantworten. Viel spannender findet Koh deshalb eine andere Perspektive. 

„Die eigentliche Frage ist doch: Muss KI Architektur überhaupt verstehen, um für Architektur nützlich zu sein? Nach allem, was wir heute sehen, versteht sie vieles nicht. Sie sagt letztlich nur das nächste wahrscheinlichste Muster voraus – und das reicht bereits aus.“ 

Für ihn liegt genau darin die eigentliche Stärke generativer KI. Sie muss Architektur nicht erleben oder menschlich interpretieren. Sie kann dennoch Werkzeuge schaffen, die neue Entwurfsräume eröffnen und den kreativen Prozess erweitern.

Die eigentliche Revolution findet im Entwurfsprozess statt

Die öffentliche Diskussion über KI konzentriert sich häufig auf Geschwindigkeit. Automatisierung, Effizienz und Zeitersparnis dominieren die Debatte. Für Koh greift diese Perspektive deutlich zu kurz. „KI kann weit mehr, als Dinge einfach nur schneller zu machen.“ Die eigentliche Veränderung betrifft nicht das Ergebnis, sondern den Weg dorthin. „Heute müssen wir nicht mehr zuerst ein 3D-Modell erstellen und anschließend rendern. Wir generieren zunächst ein Bild und arbeiten uns von dort zurück zum Modell.“ 

Was zunächst nach einer technischen Veränderung klingt, beschreibt tatsächlich einen grundlegenden Wandel des Entwerfens. Jahrzehntelang verlief der architektonische Prozess linear: Idee, Modell, Visualisierung. Mit generativer KI kehrt sich diese Reihenfolge zunehmend um. Bilder werden zum Ausgangspunkt. Modelle entstehen anschließend. Entwerfen wird damit weniger linear und stärker iterativ. „Das Spannende daran ist, dass sich dadurch der gesamte Entwurfsprozess verändert. Es verändert die Art, wie wir Gestaltung überhaupt angehen.“ 

Genau diese Verschiebung untersucht auch AI Sampling Singapore. Das Projekt versteht KI nicht als automatischen Entwerfer, sondern als Werkzeug, das neue Denk- und Arbeitsweisen ermöglicht. 

Je einfacher Bilder erzeugt werden können, desto wichtiger wird eine Fähigkeit, die sich nicht automatisieren lässt. „Mit KI lässt sich leicht irgendetwas generieren. Viel schwieriger ist es, genau das zu erzeugen, was man tatsächlich im Kopf hat.“ Für Koh beginnt die eigentliche Gestaltungsarbeit deshalb erst nach der ersten Generierung. 

Designerinnen und Designer übernehmen Vorschläge nicht einfach. Sie verhandeln mit ihnen. Sie passen Ergebnisse an, trainieren Modelle nach, definieren Referenzen und entwickeln schrittweise genau die Lösung, die ihrer gestalterischen Absicht entspricht. „Designerinnen und Designer streben nach Präzision.“ 

Diese Präzision wird für Koh zur wichtigsten Kompetenz im Zeitalter generativer KI. Nicht das Generieren selbst schafft Qualität, sondern die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, zu verfeinern und gezielt weiterzuentwickeln.

Vom Werkzeug zum kreativen Partner

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf der Individualisierung künstlicher Intelligenz. Statt ausschließlich mit allgemeinen Foundation Models zu arbeiten, sieht Koh großes Potenzial darin, Modelle mit eigenen Datensätzen, Referenzen und Gestaltungsprinzipien anzupassen. Dadurch bleibt die kreative Kontrolle beim Menschen. KI entwickelt keinen eigenen Stil. Sie unterstützt Designerinnen und Designer dabei, ihren eigenen Stil präziser und effizienter umzusetzen. Gerade darin sieht Koh den entscheidenden Unterschied zwischen beliebiger Bildgenerierung und professionellem Entwerfen. 

„Schon bald wird kreatives Programmieren möglich sein, ohne selbst programmieren zu müssen.“ 

Was zunächst provokant klingt, beschreibt für ihn eine tiefgreifende Veränderung der kreativen Arbeit. Die Fähigkeit zu programmieren verliert nicht an Bedeutung. Doch sie wird zunehmend durch Werkzeuge ergänzt, die den Zugang zu algorithmischen Prozessen erheblich vereinfachen. Dadurch verschiebt sich der Fokus kreativer Arbeit erneut – weg von der Beherrschung einzelner Softwareprogramme und hin zur Fähigkeit, Systeme zu steuern, Fragen zu formulieren und gestalterische Entscheidungen zu treffen.

Wie verändert künstliche Intelligenz euren Entwurfsprozess?

Der German Design Award zeichnet Projekte aus, die technologische Innovation mit gestalterischer Exzellenz verbinden und neue Perspektiven auf die Zukunft des Designs eröffnen. AI Sampling Singapore zeigt eindrucksvoll, dass die spannendsten Fragen rund um KI nicht bei der Automatisierung beginnen, sondern bei der Neudefinition kreativer Prozesse. 

Wenn auch ihr mit eurem Projekt neue Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit entwickelt, freuen wir uns auf eure Einreichung zum German Design Award 2027. 

Nutzt die Chance, eure Arbeit einer internationalen Jury zu präsentieren und Teil eines globalen Netzwerks exzellenter Gestaltung zu werden.

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