Alexander Strub: Das Ende ist der neue Anfang des Entwerfens

Circular Design beginnt lange vor dem Rückbau
Mit der Kategorie Circular Design setzt der German Design Award ein deutliches Zeichen für einen grundlegenden Wandel im Planen und Bauen. Ausgezeichnet werden Projekte, die Materialien nicht als Ressourcen mit Ablaufdatum verstehen, sondern als Teil eines langfristigen Kreislaufs. Im Mittelpunkt stehen Lösungen, die Wiederverwendung, Demontierbarkeit und Materialwert bereits in den Entwurfsprozess integrieren.
Genau diesen Ansatz verfolgt das ausgezeichnete Projekt „Feierabendziegel: From has-been to must-have?“ von Drees & Sommer, gemeinsam entwickelt mit EPEA – Part of Drees & Sommer und Münchner Wohnen. Im Zentrum steht ein scheinbar unscheinbares Objekt: ein über 80 Jahre alter Biberschwanzziegel. Statt als Bauschutt endet seine Geschichte jedoch nicht im Container. Die Installation macht ihn zum Symbol einer neuen Denkweise. Einer Architektur, die den Bestand nicht als Altlast, sondern als Ressource versteht. Für Alexander Strub beginnt Kreislaufwirtschaft deshalb nicht beim Recycling.
„Wenn wir anfangen zu entwerfen und zu planen, müssen wir das Ende mitdenken.“
Über Jahrzehnte wurde Architektur linear gedacht: bauen, nutzen, abreißen. Für Strub ist genau dieses Verständnis überholt. „Ich muss das Gebäude als Rohstoffdepot verstehen.“
Damit verändert sich die gesamte Logik des Entwerfens. Plötzlich stehen andere Fragen im Mittelpunkt. Wie lassen sich Bauteile später wieder demontieren? Wie können Materialien sortenrein getrennt werden? Und wie bleiben sie auch nach Jahrzehnten als Rohstoffe verfügbar? Diese Fragen beeinflussen nicht nur Konstruktion und Materialwahl, sondern den gesamten architektonischen Entwurf. Das Ende eines Gebäudes wird damit Teil seines Anfangs.
Der größte Rechenfehler der Baubranche
Warum wird zirkuläres Bauen trotzdem häufig als teurer wahrgenommen? Für Strub liegt die Antwort in einer falschen Berechnungsgrundlage. „Dass lineares Bauen günstiger erscheint als zirkuläres Bauen, ist ein Rechenfehler.“ Denn bestehende Materialien werden in klassischen Wirtschaftlichkeitsberechnungen häufig mit einem Wert von null angesetzt. Obwohl sie real vorhanden sind.
Genau darauf macht der Feierabendziegel aufmerksam. Der alte Dachziegel wird nicht als Abfall verstanden, sondern als hochwertiger Baustoff mit einer zweiten Zukunft. „Der Rohstoff liegt vielleicht gar nicht mehr im Bergwerk – sondern auf unseren Dächern.“
Für Strub ist Circular Design deshalb weit mehr als Ressourcenschutz. „Zirkuläres Bauen ist nicht nur ressourcenschonend, sondern auch wirtschaftlich klug.“ Wer Gebäude von Anfang an für Wiederverwendung entwirft, verändert zwangsläufig auch ihre Gestaltung. Materialien werden anders kombiniert. Verbindungen werden lösbar. Für Strub entsteht daraus keine Einschränkung, sondern eine neue gestalterische Freiheit. „Dann kann eine neue Ästhetik entstehen. Und wenn ich weiß, warum diese Ästhetik entsteht, bekommt sie plötzlich eine ganz andere Qualität.“
Vielleicht, so seine Überzeugung, ist der radikalste Entwurf sogar derjenige, bei dem überhaupt nichts Neues gebaut wird. Sondern bestehende Gebäude weitergedacht werden. Circular Design verändert damit nicht nur den Materialkreislauf – sondern auch unsere Vorstellung davon, wie Architektur aussehen kann.
Gute Gestaltung kennt keine Ausreden
Zum Abschluss richtet Alexander Strub seinen Blick auf Designerinnen und Designer. Sein Rat ist einfach. Gewohnte Bilder hinterfragen. Experimente zulassen. Offen für neue Lösungen bleiben. „Lass dich mal auf so ein Experiment ein.“ Denn gute Gestaltung hängt nicht von den Rahmenbedingungen ab.
„Gute Gestaltung hat damit nichts zu tun. Gute Gestaltung kann ich entweder – oder ich kann sie nicht.“
Gerade Circular Design eröffnet deshalb keine gestalterischen Grenzen. Es fordert Designerinnen und Designer vielmehr dazu auf, Architektur neu zu denken – ökologisch, wirtschaftlich und gestalterisch zugleich.
Wie verändert Circular Design euren Entwurfsprozess?
Mit der Einführung der Kategorie Circular Design macht der German Design Award deutlich, dass nachhaltige Gestaltung weit über Energieeffizienz oder Recycling hinausgeht. Ausgezeichnet werden Projekte, die Materialien als langfristige Ressource verstehen und den gesamten Lebenszyklus eines Produkts oder Gebäudes in den Mittelpunkt stellen.
Wenn auch ihr mit eurem Projekt neue Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit entwickelt, freuen wir uns auf eure Einreichung zum German Design Award 2027.
Nutzt die Chance, eure Arbeit einer internationalen Jury zu präsentieren und Teil eines globalen Netzwerks exzellenter Gestaltung zu werden.






