Design Nudges

Mit Shirin Frangoul-Brückner: Wie Architektur Menschen in Bewegung bringt

© Shirin Brückner

Wie lenkt Architektur unsere Aufmerksamkeit? Shirin Frangoul-Brückner erklärt am preisgekrönten usbekischen Pavillon, wie Design Neugier weckt, Orientierung schafft und Menschen verbindet.

Warum bleiben manche Orte im Gedächtnis, während andere nach wenigen Minuten wieder vergessen sind? Warum betreten wir manche Gebäude neugierig, obwohl wir noch nicht wissen, was sich dahinter verbirgt? Für Shirin Frangoul-Brückner, Mitgründerin und Geschäftsführerin von ATELIER BRÜCKNER, liegt die Antwort nicht in spektakulären Formen oder außergewöhnlichen Materialien. Gute Architektur beginnt für sie dort, wo sie Menschen erreicht.

Diese Haltung prägt auch den usbekischen Pavillon für die Expo 2025 in Osaka, der mit Gold beim German Design Award ausgezeichnet wurde. Unter dem Titel „Garden of Knowledge“ präsentiert sich Usbekistan als Nation im Wandel. Der Pavillon verbindet kulturelles Erbe mit Zukunftsvisionen, traditionelle Handwerkskunst mit zeitgenössischer Architektur und Nachhaltigkeit mit einer klaren gesellschaftlichen Botschaft. Doch die eigentliche Stärke des Projekts liegt tiefer.

„Es geht nicht nur darum, Inhalte zu vermitteln“, sagt Frangoul-Brückner. „Es geht darum, Menschen zusammenzubringen, Begegnungen zu ermöglichen und einen Dialog zwischen Inhalt, Ort und Besucher zu schaffen.“ 

Gerade auf einer Weltausstellung ist das eine Herausforderung. Zwischen mehr als hundert Nationen entscheiden Besucher oft innerhalb weniger Sekunden, welchem Pavillon sie ihre Aufmerksamkeit schenken. Architektur wird damit zu einem Werkzeug, das Menschen lenkt, aktiviert und neugierig macht. Sie wird zum Design Nudge.

Der usbekische Pavillon nutzt genau dieses Prinzip. Seine markante Holzstruktur ist bereits aus der Ferne sichtbar. Die offene Konstruktion zieht Besucher an, ohne sich aufzudrängen. Sie erzeugt Neugier, bevor überhaupt ein Inhalt vermittelt wird. Für Frangoul-Brückner ist das kein Zufall.

„Wir haben eine ikonografische Architektur geschaffen, die Menschen zunächst über das Bild anzieht. Erst dadurch entsteht die Möglichkeit, sie für die Inhalte zu begeistern.“

Der Pavillon funktioniert damit wie eine Einladung. Besucher treten ein, weil sie das Bauwerk fasziniert. Erst danach beginnen sie, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, die dahinterstehen: Wissenschaft, Bildung, kulturelles Erbe und die Transformation eines Landes, das sich neu positioniert. Architektur wird hier zum ersten Kapitel einer Geschichte. 

Dabei versteht Frangoul-Brückner Gestaltung ausdrücklich nicht als Selbstverwirklichung. Im Gegenteil. Für sie liegt eine der größten Herausforderungen darin, die eigene Perspektive zurückzustellen und konsequent aus Sicht der Nutzer zu denken.

„Wir müssen uns immer wieder fragen: Für wen machen wir das eigentlich? Es geht nicht darum, uns selbst zu verwirklichen. Es muss uns nicht gefallen. Es muss Menschen erreichen.“ 

Dieser Gedanke zieht sich durch die gesamte Gestaltung des Pavillons. Die Architektur ist offen, transparent und barrierefrei. Sie schafft keine Distanz, sondern lädt zur Teilhabe ein. Die Besucher bewegen sich nicht durch ein abgeschlossenes Objekt, sondern durch einen Raum, der Austausch ermöglicht und unterschiedliche Perspektiven zulässt.

Identität entsteht aus dem Kontext

Für Frangoul-Brückner beginnt gute Architektur immer mit dem Ort und seiner Geschichte. Identität kann nicht erfunden oder aufgesetzt werden. Sie entsteht aus dem Kontext. 

„Es geht darum, Identität aus dem Kontext heraus zu schaffen.“

Beim usbekischen Pavillon wird dieser Ansatz besonders deutlich. Der dreieckige Grundriss greift die Form des traditionellen Tumar auf, eines Schutzamuletts, das tief in der Kultur Zentralasiens verwurzelt ist. Das Sockelgeschoss aus Lehm und Ziegel steht für die Erde, die Herkunft und die kulturellen Wurzeln des Landes. Darüber erhebt sich ein acht Meter hoher Wald aus Holzstützen. Er erinnert an traditionelle Tempel- und Palastarchitekturen entlang der Seidenstraße und interpretiert diese zugleich neu. 

Je nach Blickwinkel entstehen durch die Überlagerung der Holzstrukturen immer wieder neue Muster. Das Gebäude verändert sich mit jeder Bewegung des Besuchers. Architektur wird damit nicht zu einem statischen Objekt, sondern zu einem Erlebnis. 

Für Frangoul-Brückner sind genau diese Erfahrungen entscheidend. Erinnerungswürdige Orte zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie perfekt funktionieren. Sie bleiben im Gedächtnis, weil sie etwas auslösen.

„Besonders sind Orte, die nicht nur genutzt werden, sondern erlebt werden.“

Dabei spielen unterschiedliche Maßstäbe zusammen. Architektur schafft Orientierung im städtebaulichen Kontext. Sie ermöglicht Begegnungen auf gesellschaftlicher Ebene. Und sie wirkt durch Licht, Materialität, Proportionen und Atmosphäre auf den einzelnen Menschen. Erst das Zusammenspiel dieser Ebenen erzeugt Orte mit Bedeutung. 

Der „Garden of Knowledge“ verfolgt diesen Anspruch auch in seiner nachhaltigen Konstruktion. Holz, Lehm und Ziegel sind traditionelle Materialien Usbekistans und gleichzeitig Teil eines konsequenten Kreislaufgedankens. Nach Ende der Expo werden alle Bauteile wiederverwendet oder in biologische und technische Kreisläufe zurückgeführt. Die Holzstruktur ist modular aufgebaut und kann an anderer Stelle erneut genutzt werden. Selbst die Herkunft jeder einzelnen Holzstütze lässt sich digital nachvollziehen. 

Doch auch Nachhaltigkeit versteht Frangoul-Brückner nicht als technisches Merkmal, sondern als Teil einer größeren Erzählung. Architektur der Zukunft entsteht für sie nicht durch einen Bruch mit der Vergangenheit, sondern durch deren Weiterentwicklung.

„Es geht darum, das kulturelle Erbe zu verstehen und in die Zukunft zu übersetzen.“

Zeigt dein Projekt, wie Design Menschen erreicht?

Der usbekische Pavillon zeigt, dass Gestaltung weit mehr sein kann als die Lösung einer funktionalen Aufgabe. Gute Architektur schafft Orientierung. Sie stiftet Identität. Sie macht komplexe Inhalte verständlich und bringt Menschen miteinander ins Gespräch. Vor allem aber hinterlässt sie einen Eindruck, der bleibt. 

Genau solche Projekte macht der German Design Award sichtbar. Ausgezeichnet werden Arbeiten, die nicht nur gestalterisch überzeugen, sondern relevante Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit geben. Projekte, die Menschen erreichen, Perspektiven eröffnen und neue Maßstäbe setzen. 

Wenn auch ihr mit eurem Projekt zeigt, wie Design gesellschaftliche, kulturelle oder wirtschaftliche Entwicklungen positiv beeinflussen kann, freuen wir uns auf eure Einreichung zum German Design Award 2027.

Nutzt die Chance, eure Arbeit einer internationalen Jury zu präsentieren und Teil eines globalen Netzwerks exzellenter Gestaltung zu werden.

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