Barbara Hahn: Warum gute Datenvisualisierung nicht mit Daten beginnt

Wer gestaltet eigentlich für wen?
Daten gelten als Grundlage guter Entscheidungen. Sie sollen Orientierung geben, Entwicklungen sichtbar machen und komplexe Zusammenhänge verständlich machen. In der Realität passiert jedoch oft das Gegenteil. Je mehr Informationen verfügbar sind, desto schwieriger wird es, den Überblick zu behalten.
Für Barbara Hahn beginnt genau hier die Aufgabe von Kommunikationsdesign.
Mit ihrer Agentur Hahn+Zimmermann beschäftigt sie sich seit mehr als zwanzig Jahren mit Datenvisualisierung. Das Projekt Women in Politics entstand aus einer Beobachtung, die viele Gestalterinnen und Gestalter kennen: Zahlen sind selten das eigentliche Problem. Die Frage ist vielmehr, wie Menschen Zugang zu ihnen finden.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren entwickelte das Team eine internationale Kampagne, die das Geschlechterverhältnis in den Parlamenten von mehr als 190 Ländern sichtbar macht. Dahinter stand nicht nur ein gesellschaftlich relevantes Thema, sondern auch eine gestalterische Fragestellung. „Es braucht eine Fragestellung eben aus der eigenen Disziplin und es braucht relevante, spannende Inhalte.“
Die meisten Visualisierungen denken zu wenig an ihr Publikum
Wer über Datenvisualisierung spricht, spricht oft über Diagrammtypen, Farbcodes oder Interaktivität. Barbara Hahn spricht zuerst über Leserinnen und Leser. „Wir überlegen uns immer sehr spezifisch, wer ist unsere Zielgruppe, wer ist das Zielpublikum, wer liest das am Ende?“
Für sie entscheidet sich die Qualität einer Visualisierung nicht am Ende des Prozesses, sondern am Anfang. Jede Zielgruppe bringt unterschiedliche Erwartungen, unterschiedliches Vorwissen und unterschiedliche Aufmerksamkeitsspannen mit.
„Das Zielpublikum im Blick zu haben ist ganz wichtig und dann eben wirklich die Entscheidung, mit welcher Informationsdichte, mit welcher Komplexität fordern wir eigentlich unsere Leser und Leserinnen heraus.“
Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, möglichst viele Daten zu zeigen. Sondern die richtige Komplexität zu gestalten.


Eine Geschichte braucht nicht nur einen Kanal
Informationen erreichen Menschen heute nicht mehr an einem einzigen Ort. Deshalb wurde Women in Politics bewusst als crossmediale Kampagne entwickelt. Die Daten erscheinen auf einer interaktiven Website, als Animationen, in gedruckter Form und sogar als grafisches Objekt im Alltag.
„Es ist die Stärke, die vielleicht auch in dem Projekt liegt, dass es eben ganz unterschiedliche Zielgruppen auf ganz unterschiedlichen Kanälen erreicht.“
Trotzdem bleibt die visuelle Identität konsistent. „Das Key Visual über das ganze Projekt bleibt eigentlich das Gleiche, einfach die Erzählformen variieren.“ Die Erkenntnis dahinter ist bemerkenswert einfach: Nicht jede Plattform braucht eine neue Idee. Aber jede Plattform braucht ihre eigene Erzählweise.
Sichtbarkeit ist nicht Verständnis
Viele Informationsgrafiken schaffen Aufmerksamkeit. Wenige schaffen Verständnis. Für Barbara Hahn liegt darin der eigentliche Unterschied zwischen Gestaltung und Kommunikation. „Die Idee ist, dass man eigentlich durch eine sehr präzise Übersetzung bei einem eigenständigen Bild landet, was dem Leser eben auch hilft, die Zahlen zu sehen und eben nicht nur zu sehen, sondern auch zu verstehen.“
Daten bleiben abstrakt. Gestaltung schafft Kontext. Sie hilft Menschen dabei, Zusammenhänge einzuordnen und Muster zu erkennen, die in Tabellen oder Datensätzen verborgen bleiben würden. Erst dann entsteht aus Information Wissen.



Wer den Inhalt nicht versteht, kann ihn nicht gestalten
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis des gesamten Projekts. In einer Zeit, in der Visualisierungen oft innerhalb weniger Stunden entstehen, plädiert Barbara Hahn für das Gegenteil: Verlangsamung.
„Erst, wenn ich als Gestalterin den Inhalt verstanden habe, bin ich in der Lage, den auch auf eine sinnvolle Art und Weise visuell zu übersetzen.“
Für sie beginnt Gestaltung nicht mit Form, sondern mit Verständnis. Erst kommt die inhaltliche Auseinandersetzung. Dann die visuelle Übersetzung. Nicht umgekehrt. Diese Haltung führt zu einer größeren Frage: Welche Rolle kann Kommunikationsdesign in einer zunehmend datengetriebenen Welt spielen?
Barbara Hahn sieht Designerinnen und Designer nicht als reine Formgeber. „Ich möchte die DesignerInnen ermutigen, sich wirklich mit den fremden Inhalten auseinanderzusetzen.“ Gerade dort, wo Fachwissen auf Öffentlichkeit trifft, entsteht aus ihrer Sicht das größte Potenzial. „Wie können wir aus unserer Designperspektive einen Mehrwert liefern den anderen Disziplinen?“
Design wird damit zur Schnittstelle zwischen Expertise und Verständlichkeit. Am Ende läuft vieles auf eine Frage hinaus: Wofür gestalten wir eigentlich?
Für Barbara Hahn ist die Antwort eindeutig. „Eine gleichwertige Berücksichtigung von Inhalt und Ästhetik.“ Denn Gestaltung verliert ihren Wert, wenn sie nur Oberfläche bleibt. „Dass wir nicht nur oberflächliche Ästhetik kreieren, die nichts mit dem Inhalt zu tun hat.“
Die stärksten Bilder entstehen dort, wo Form direkt aus dem Inhalt heraus entwickelt wird. Sie wecken Neugier, schaffen Orientierung und bleiben im Gedächtnis.
Genau das macht Women in Politics so relevant. Das Projekt visualisiert nicht nur Daten über politische Repräsentation. Es zeigt, wie Kommunikationsdesign komplexe Informationen in etwas verwandeln kann, das Menschen tatsächlich verstehen. Und vielleicht ist das heute wichtiger denn je.
Zeigt euer Projekt, wie Design komplexe Themen zugänglich machen kann?
Women in Politics zeigt, dass Kommunikationsdesign weit mehr leisten kann als Informationen ansprechend zu gestalten. Es schafft Orientierung in einer zunehmend datengetriebenen Welt. Es macht komplexe Zusammenhänge verständlich, eröffnet neue Perspektiven und hilft Menschen, fundierte Entscheidungen zu treffen.
Genau solche Projekte macht der German Design Award sichtbar. Ausgezeichnet werden Arbeiten, die relevante gesellschaftliche Fragen aufgreifen, neue Wege der Kommunikation entwickeln und zeigen, wie Design Wissen zugänglich machen kann.
Wenn auch ihr mit eurem Projekt komplexe Inhalte verständlich macht, neue Perspektiven eröffnet oder Menschen durch Gestaltung erreicht, freuen wir uns auf eure Einreichung zum German Design Award 2027.
Nutzt die Chance, eure Arbeit einer internationalen Jury zu präsentieren und Teil eines globalen Netzwerks exzellenter Gestaltung zu werden.


